Samstag, 9. Februar 2013

4. Kapitel : Und dann nach Teplitz-Schönau...

Mein Stiefvater bekam ein Engagement bei dem neugebauten Stadttheater in Teplitz-Schönau, in der Tschechoslowakei.

Teplitz-Schönau


Diese Tschechoslowakei war eine Schöpfung der siegreichen Alliierten und bestand aus drei Volksgruppen. Die Tschechen mit der Hauptstadt Prag, die Slowaken mit der Hauptstadt Pressburg (Bratislawa) und die Sudetendeutschen, die längs der gesamten Grenze nach Österreich lebten  und alle drei dieser Volksgruppen befeindeten sich gegenseitig. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurde der deutschsprachige Völkerteil vertrieben und die Tschechen und Slowaken trennten sich.

Da es Anfang der zwanziger Jahre beinahe unmöglich war ein Engagement zu finden, war der Ruf nach Teplitz-Schönau grosses Glück. Wieder einmal machten sich meine Eltern reisefertig, drückten mir ebenfalls eine Fahrkarte in die Hand , sagten , sobald sie eine Wohnung gefunden hätten  sollte ich mit Koffern und unserem inzwischen angeschafften Schäferhund  genannt "Vorschuss" , nachkommen....sie würden mich dann in einer Stadt namens Bodenbach abholen ! Heutzutage würde es Eltern kaum einfallen, ihren nur elfjährigen Sohn mit Koffern und nur in Begleitung eines Hundes, per Zug in ein anderes Land reisen zu lassen. Andere Zeiten, andere Sitten!

Die Not der Theater, das Fehlen von Engagements, zwang auch erstklassige Bühnenkräfte ihren Verdienst in den Kleinstädten zu suchen. So kam es , dass man in den kleinsten Theatern, die grössten Künstler zu sehen bekam. Josef Kainz und Alexander Moissi , wie auch viele andere grosse Schauspieler, traten in Theatern wie Leoben oder Bautzen auf....

Alexander Moissi
Josef Kainz








In Teplitz-Schönau fand auch meine Mutter ein Engagement als Schauspielerin und für mich gab es erstmal keine Schule, dafür aber eine Zeit des Lesens. Wir besassen eine grosse Kiste Bühnenliteratur . Ich las alles was ich in die Finger bekommen konnte . In einer Bücherei fand ich dann auch andere Lektüre ; Karl May, Abenteuer , Sagen und Legenden, griechische, römische und deutsche Götter bevölkerten meine Phantasie. Ich kämpfte mit Herkules, mit Donar, weinte um Baldur und fürchtete Loki. Alles faszinierte mich . Es war auch eine, für mich, sehr nachdenkliche Zeit. Viele Fragen und wenige Antworten. Worum ging es in der Welt? Welche Unterschiede gab es zwischen den Menschen? Ging es immer nur um Geld, oder war da mehr im Spiel? Um uns herum brodelte die Gerüchteküche über Rassenunruhen, besonders in Bayern. Man hoerte von einem gewissen Hitler, der angeblich die Juden ausrotten wollte, weil diese Schuld seien an dem Uebel der ganzen Welt. Die Juden! Ich konnte mir keinen Begriff machen, was Juden sind. Ich stellte mir vor, sie müssten wohl ganz anders aussehen als alle anderen Menschen. Ich fand das alles sehr schwer zu verstehen. Das Wort "Jude", hatte für mich keine religiöse Bedeutung, wofür es eine einfache Erklärung gab:
Meine Familie war katholisch, aber nicht sehr fromm. Mein Stiefvater hatte eher ein gestörtes Verhältnis zur Kirche, wegen einer familiären Tragödie. Ein Bruder von ihm war , wie in guten katholischen Familien üblich,  Priester geworden. Er verliebte sich dann aber in ein Mädchen und brachte sich wegen dieses Gewissenskonflikts um.
Meine Mutter war aus ihrer eigenen Religion ausgetreten , um einen Andersgläubigen  heiraten zu können.
Beide hatten also keinen festen Glauben und ich hatte einfach noch viel zu viele Zweifel. Das Thema Religion wurde bei uns daher eher selten erwähnt.





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