Radioskalen wurden bis dato sehr teuer aus den U.S.A. eingeführt.
In der Garage meines Hauses machten wir einige Experimente und siehe da, es funktionierte tatsächlich! Wir boten fortan Radioskalen an. Daraus entwickelte sich eine richtige kleine Industrie, die dann auf Silkscreen umwechselte und uns ging es jetzt ziemlich gut.
Unterdessen ging der schreckliche Krieg zu Ende. Man schrieb den 08.Mai 1945. Ein paar Monate später , am 02.September 1945, war der Krieg dann auch in Japan vorbei.
Ich war seit nunmehr 6 Jahren in Brasilien. Die verschiedensten Menschen, die fast alle das gleiche Schicksal hatten, lebten hier in Eintracht und Frieden und ohne allzu grosse Ansprüche beisammen. Jetzt nach Kriegsende, fing aber doch ein jeder wieder an, individuelle Pläne zu schmieden und Ausschau zu halten nach besseren Aussichten . Meine Schwiegereltern beispielsweise, liebäugelten mit der Idee in die Vereinigten Staaten auszureisen, denn meine Schwiegermutter hatte dort einen Bruder, der vielleicht eine Einreiseerlaubnis für beide beschaffen konnte. Sie schrieben einen Brief mit der entsprechenden Bitte und warteten gespannt auf die Antwort...diese kam dann auch in Form eines Telegramms , mit einem eher drolligen Inhalt :
- Sonne muss und wird Wolken durchbrechen!
Was das nun genau bedeuten sollte war unklar, aber sicher war, mit der Einreiseerlaubnis war auf diesem Wege nichts zu machen.
Ich bekam ebenfalls Post meiner Eltern, mit der Mitteilung, dass es ihnen gut ginge und das sie wieder in unserem Haus in Salzburg lebten. Sie hatten ein Haus gepachtet, welches sie nun zu einem Theater umbauten...und dies zu einer Zeit in der man alles was man brauchte, nur auf dem Schwarzmarkt bekommen konnte. Daher konnte ich mir unter ihren Plänen auch nichts vorstellen, aber eines hatten sie auf alle Fälle geschafft. Sie hatten in mir die Sehnsucht nach Deutschland , Österreich, Salzburg, unserem Haus und der deutschen Sprache wieder geweckt .
Ich wollte unbedingt wieder zurück!
1946 gab es die Möglichkeit mit einem amerikanischen Handelsschiff nach Italien zu kommen. Italien hatte sich rechtzeitig genug von der Allianz mit Deutschland gelöst. Mussolini und seine Frau wurden umgebracht und das Land galt nicht mehr als feindliches Ausland. Trotz einiger Warnungen meiner Freunde besorgte ich die Tickets nach Genua.
Unser Reiseschiff war ein sogenanntes Liberty- Schiff...
![]() |
| Foto: Public Domain mfg Peter Hartung Liberty-Schiff "Carlos Carillo", datiert ca. 1945/1946. |
Eigentlich waren das Handelsschiffe, aber sie hatten einige gut ausgerüstete Kabinen und in einer von ihnen war meine kleine Familie gut untergebracht. Es gab reichlich zu Essen und alle waren sehr nett. Der Kapitän war selbst für einen Amerikaner ein echter Hüne und hatte ähnliche Angewohnheiten wie Captain Haddock aus Tim & Struppi...er trank Whisky aus ziemlich grossen Wassergläsern und zwar auf "ex"! Er war bereits wegen Trinkens zur Handelsmarine versetzt worden, aber er war auch ein netter Kerl und die Mannschaft hatte trotz allem grossen Respekt vor ihm...
Da noch immer das Kriegsrecht auf den Schiffen galt, durften wir nicht an Land, wenn das Schiff irgendwo anlegen musste. Tag und Nacht stand einer der Matrosen Wache am Bug, um nach schwimmenden Minen Ausschau zu halten. Kein sehr beruhigender Anblick.
![]() |
| Hafen von Genua in Italien... |
In Genua gingen wir von Bord und fuhren den Rest des langen Weges nach Österreich mit der Bahn. Dort stand bereits meine Mutter an der Grenze, mit einem Ausweis in der Hand, den sie mir besorgt hatte.
Der Grenzübertritt war einfach, die Grenzer waren alle neu und hatten noch keine genauen Anweisungen, so schauten sie sich den Ausweis kurz an und winkten uns durch. Das war alles.
Ich hatte soviel von der Zerstörung jeder Infrastruktur in Europa gehört, es überraschte mich, dass alles so glatt lief, aber das waren ja auch nur die materiellen Strukturen, die einfach wieder aufgebaut werden konnten.
Die Fassade der Normalität stand und war gut angemalt, dahinter aber, lagen alle Ruinen die der Krieg zurückgelassen hatte.
Heitere Fröhlichkeit war der Stille und der Trauer gewichen. Alles war vorbei, hatte aber merkbare Spuren zurückgelassen. Die meisten meiner Freunde , die nicht im Krieg gefallen waren und die sowohl noch jung als auch sportlich waren, starben innerhalb der nächsten fünf Jahre, einer nach dem anderen. Ihnen fehlte jede Lust am Leben. Zuviel war geschehen, das nie mehr ungeschehen gemacht werden konnte und die Scham darüber, machte viele Menschen jetzt im nachhinein noch krank und willenlos.
![]() |
| Meine Mutter und Fredy in unserem Haus in Salzburg... |




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen