Freitag, 15. Februar 2013

28 . Kapitel : Die Schmuggler



Wir wurden sehr herzlich empfangen. Man hatte uns ein Zimmer eingerichtet mit allem was wir anfänglich brauchen konnten.
Jetzt war ich erst einmal neugierig, was es mit dem Umbau des neu gepachteten Theaters auf sich hatte und sah mir das Ganze, etwas misstrauisch an. Tatsächlich stellte ich dabei dann fest, dass der beauftragte Architekt, meine Eltern über den Tisch gezogen hatte. Die meisten Umbauarbeiten waren komplett unnötig oder einfach überteuert.  Der von ihm errechnete Platz für die Zuschauer war viel zu klein. Ein Theater muss mindestens 400 Leute aufnehmen können um überhaupt rentabel zu sein, hier gab es aber nur Platz für maximal 250 Personen. Ausserdem war der Pachtvertrag mit nur 10 Jahren zu kurz. Ich musste meine Mutter leider mit diesen Tatsachen konfrontieren...
Die einzige Möglichkeit eine totale Pleite zu verhindern war, das Theater dem Stadttheater von Salzburg , als "kleines Theater" zu verkaufen. Nach einigen zähen Verhandlungen kam der Vertrag zustande und es wurde als "Kammerspiele" dem Stadttheater angeschlossen.

Unser eigenes Heim hatte derweil viele Besucher und einige waren durchaus als Dauergäste bei uns einquartiert. Diese hatten während der letzten harten Zeiten viel durchmachen müssen und waren zum Teil bei der "Résistance" gegen Hitler gewesen....und meine Mutter schaffte das beinahe Unmögliche,  immer genug zu Essen für alle zu haben.
Die Erklärung hierfür war denkbar simpel.... Es gab nämlich in Salzburg ein großes UNRRA ( United Nations Relief and Rehabilitation Administration )- Lager, das waren die Auffanglager für diejenigen, die nach dem Krieg als Überlebende aus den Konzentrationslagern befreit worden waren und die noch nicht wussten wo sie hin konnten oder sollten. Diese Lager wurden natürlich sehr gut mit Lebensmitteln versorgt. So gut, dass ein Überfluss bestand. Auch in Bayern, gleich hinter der österreichischen Grenze, in Freilassing,  gab es ein solches Lager.



Zwischen beiden Lagern gab es einen lebhaften Handel und wenn es einem gelang sich dazwischen zuschieben,  dann konnte man an Lebensmittel herankommen. Wurstwaren, Eimer voll Marmelade, Käse  Butter oder ähnliches, fand auf diese Art den Weg zu unserem Haus.

Bei meiner Ausreise aus Brasilien, hatte ich einen brasilianischen Ausreise-pass bekommen, er sah genau aus wie der normale brasilianische Pass, allerdings war er gelb, weil er eben nur zur Ausreise bestimmt war....das wusste aber niemand und ich galt als "echter" Brasilianer, also Amerikaner (im weiteren Sinne) und konnte daher die Grenze überschreiten so oft ich wollte. Das Gleiche galt natürlich auch für meine Frau. Diese Tatsache verwickelte uns in ein ganz spezielles Schmugglerabenteuer .

Der Schmuggel der Lagerinsassen bestand darin, Goldmünzen aus Österreich nach Deutschland und Goldbarren von Deutschland nach Österreich zu befördern . Worin dabei das Geschäft lag, habe ich nie wirklich begriffen, denn für mich war Gold eben Gold, egal in welcher Form.
Die Goldmünzen dieses Handels, stammten ursprünglich von jüdischen , amerikanischen Soldaten, denn eine jüdische Mutter lässt ihren Sohn nicht einfach in einen Krieg ziehen , ohne ihm etwas für einen Notfall mitzugeben, in diesem Fall eben eine, von der vorsorglichen Mutter  in die Uniform eingenähte "Eagle" Goldmünze!




Oftmals hatten nun aber diese jungen jüdischen Soldaten, die selbst keinerlei Not hatten, grosses Mitleid mit den ausgemergelten Lagerinsassen, und schenkten ihnen für einen Neuanfang ins Leben ihre Münzen. Sie schafften somit  eine Basis für allerlei Handel.
Wie sie allerdings zu den Goldbarren kamen habe ich nie erfahren.

Eines Tages hatten wir also mindestens hundert solcher Münzen aus dem Salzburger Lager bekommen, damit wir sie nach Freilassing bringen konnten. Es war ein kalter Winter und meine Frau nahm die Goldmünzen und steckte sie unter ihre Bluse. Wir fuhren los und ausgerechnet an der Grenze, die auf einer Anhöhe lag,  liess uns unser Wagen im Stich und liess sich auch durch noch so gutes Zureden nicht dazu bewegen, weiterzufahren! Das war schlimm, denn Goldschmuggel war auch "Amerikanern" verboten.
Die Grenzer waren nett und hatten meine Bemühungen, den Wagen wieder in Gang zu bekommen, beobachtet. Sie kamen also zu uns und luden meine, mit ihrer geschmuggelten "Goldlast" beladene Frau dazu ein, in den geheizten Wachraum zu gehen. Mir wurde bei dem Gedanken ganz übel!
Das Risiko war einfach zu gross. Daher winkte ich ablehnend ab und sagte das es vollkommen genügen würde, wenn sie uns helfen könnten den Wagen kurz anzuschieben, weil dieser dann gewiss wieder anspringen würde.  Sie schoben uns tatsächlich , aber der Wagen blieb stur und stumm....Ich liess meine Frau im Auto und ging zurueck zum Grenzposten, um zu sehen ob ich wohl telefonieren dürfte....und ich durfte!
Ich rief zu Hause an und nach einer halben Stunde kam ein Mechaniker und Fredy mit einem Zweitwagen. Fredy blieb mit ihm bei unserem Unglückswagen, und wir fuhren mit dem anderen schnellstmöglich weiter.
Im Lager von Freilassing angekommen, stieg meine halb eingefrorene Frau aus dem Auto und der ganze Goldsegen kullerte ihr aus der Bluse.
Gott sei Dank waren auch die richtigen Empfänger bereits zur Stelle und konnten alles in Windeseile aufsammeln. Wenn uns dies allerdings an der Grenze passiert wäre , hätte alles ein weniger gutes Ende genommen!
So bekamen wir unseren verdienten Lohn in Form von Wurst , Butter, Käse und Marmelade und fuhren glücklich wieder nach Salzburg zurueck.

Diese Fahrten von Salzburg nach Freilassing, oder auch nach Reichenhall machten wir dann jede Woche.

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