Es ist eine seltsame Sache, fast 9 Jahre nach seinem Tod, noch einmal die Lebensgeschichte meines Vaters, zu lesen. Schließlich hinterlässt ja nicht jeder Vater eine aufgeschriebene detaillierte Beschreibung seines Lebensweges. Vieles was ich in mühevoller Kleinarbeit jetzt überarbeite , kannte ich natürlich schon aus seinen Erzählungen, aber ich hatte nicht immer das gleiche Interesse daran, wie heute und vieles macht auch jetzt erst einen Sinn.
Meine Schwestern und ich, sind ein Produkt unserer jeweils eigenen Generationen und deren sozialen und politischen Hintergründen, aber wir wurden hauptsächlich durch unsere Eltern geformt , die wiederum ebenfalls Kinder ihrer eigenen Generationen und deren Hintergründen waren und in ihren jeweiligen Leben sehr viel groesseren Schwierigkeiten gegenüberstanden, als so mancher Mensch von heute.
Für viele Kinder ihrer Generation , war "eine gute Kindheit" haben relativ... für manche war eine "gute" Kindheit eben nur genug zu Essen zu haben und nicht nackt durch die Strassen laufen zu müssen...und für andere war eine "gute" Kindheit , nackt und hungrig zu sein, aber liebende Eltern zu haben ! Was wir heutzutage als krasse Erziehungsfehler empfinden, oder gar Grausamkeit, war bei anderen frueheren Generationen komplett normal und wurde auch nicht als besonders schlimm empfunden. Man darf also, wenn man das Leben eines Menschen einer anderen Epoche analisiert, nicht seine eigenen heutigen Maßstäbe als Basis nehmen .Was ist dann also somit "gut" ? Gut ist alles , was wir daraus für unsere eigene Zukunft machen, welche Konsequenzen wir für uns aus allem was war, ziehen .... und wie wir fortan damit leben!
Mein Vater war ein Produkt seiner Zeit und seiner Erziehung. Die einzige starke Bindung die er je hatte, war zu seiner Mutter. Die Beziehung zum eigenen Vater wurde sehr früh durch dessen Selbstmord zerstört und mit seinem Stiefvater hatte er durchaus kein so gutes Verhältnis, wie es beim Lesen manchmal den Anschein haben mag.... Diese mangelnde Beziehung zu einer Vaterfigur, prägte ihn für sein ganzes späteres Leben und hatte starke Auswirkungen in seiner eigenen Beziehung zu uns drei Töchtern. Er hatte nie gelernt was es bedeuten konnte ein Vater zu sein. Fuer ihn war ein Vater nur eine Figur die eventuell finanzielle Unterstützung leisten musste und ansonsten war ein Vater in seinen Augen nicht besonders wichtig...er dachte, das nur eine Mutter zu einer liebevollen Beziehung fähig wäre, denn das war die Lektion die sein Leben ihm erteilt hatte! Das es für uns Kinder viel wichtiger gewesen wäre, uns als Vater seine Liebe zu zeigen, konnte er bis zum Ende nicht wirklich begreifen und er wusste nicht einmal genau wie er es denn hätte machen sollen.... Männer seiner Generation zeigten Gefühle nicht!
Das war sein schwerster, wenn auch ungewollter Fehler und auch der Generationenübergreifendste....denn seine distanzierte Art machte uns Kindern viel zu schaffen, auch wenn er über die Jahre doch vieles abmilderte.Ich lernte einen komplett anderen Vater kennen als meine Schwestern. Da er uns innerhalb grosser Zeitunterschiede bekam, war er auch immer ein anderer Mensch in jeder dieser Beziehungen.
Die einzige Konstante in seinem eigenen Leben, war die Liebe seiner Mutter zu ihm und ihr kameradschaftliches Verhältnis, alles andere war dem untergeordnet, denn alles andere konnte sich ja verändern...und er brauchte dieses Eine, was immer gleich blieb.
Trotz aller Distanz, sah er seine Töchter immer als die ihm wichtigsten Persönlichkeiten, die ihn mit viel Stolz erfüllten, auch wenn er dies fast nie zeigte, er sprach immer nur mit anderen über unsere Vorzüge. Ich, als drittes und letztes Kind, war auch diejenige die sich oft anhören musste, wie intelligent und fantastisch meine Schwestern waren! Lange Jahre lang kam ich mit diesen, von ihm über alle Dinge hochgelobten, "Überfiguren" nicht wirklich klar, denn es war unmöglich so gescheit zu sein und so kreativ wie sie. Heute sehe ich das natürlich in anderem Licht. Erst sehr spät in meinem Leben konnte ich nämlich beide sowohl kennen und als auch lieben lernen. Wir sind nicht miteinander aufgewachsen und haben verschiedene Mütter.
Heute sehe ich auch, wie sehr wir drei meinen Vater wiederspiegeln, welche Charakteristiken ganz klar von ihm sind und inwiefern dies uns geprägt hat, sowohl im positiven, als auch negativen Sinne.
Eine Sache haben wir alle drei auf jeden Fall von ihm, nämlich seine Liebe zu Büchern, ganz speziell den Fabeln, Sagen und der Fantasy-Literatur !
Die Geschichte also, die ich jetzt nach so langer Zeit aufarbeite, das soll und wird auch nur die Geschichte des Abenteuers und der Zeitgeschichte sein, nicht die ganz private...die gehoert nämlich nur uns drei inzwischen vereinten Schwestern.





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