Meine Frau, die aus Wien stammte, wollte eines Tages dorthin, um zu sehen, ob sie noch irgendwelche Verwandte, Bekannte oder Freunde finden könne . Ich hatte auch Lust nach Wien zu fahren, also nahmen wir unser Kind und fuhren mit der Bahn hin.
In Linz änderte sich plötzlich das Zugpersonal, denn Linz befand sich in der russischen Zone, dass war für uns "Neuland", denn bisher waren wir immer nur in der amerikanischen Zone gewesen. Ein russischer Soldat kam zu uns und forderte unsere Pässe. Wir gaben sie ihm. Er blätterte in dem ihm unbekannten Dokument, sah keinerlei russischen Stempel und sagte :
- "Raus"!
Ich sollte also mitgehen. Ein bisschen später erkannte ich, dass das "Raus" nicht feindlich gemeint war....er kannte eben nur dieses eine Wort auf deutsch !
Er ging also mit mir zum Gepäckwagen, riss die Tür auf, sah den diensthabenden Bahnbeamten und sagte wieder :
- "Raus"!
Der Bahnbeamte verschwand und ich folgte ihm in den Güterwagon , heimlich überlegend wie ich ihn wohl am besten zur Strecke bringen könnte , da ich an Verhaftung, Abschiebung und Sibirien dachte....davon hatte man mir nämlich bereits die schlimmsten Geschichten erzählt!
- " Du Zigarett "??
Ach so! Der allgemein und überall herrschende Zigarettenhandel! ( http://www.return2style.de/1939-49/schwarzmarkt/schwarzmarkt1c.htm )
Ich zog ein angebrochenes Päckchen aus meiner Hosentasche. Selbst Nichtraucher hatten zu diesen Zeiten immer ein paar Zigaretten dabei, denn dies war gleichbedeutend mit Geld oder einem Gefallen!
- "Nicht mehr" ? ( er sagte das nicht, sondern machte ein paar fragende Handbewegungen!)
- "Nichts"!
Er machte die Tür auf und sagte :
- "Raus"!
Wir gingen wieder zurück ins Abteil, wo meine aufgeregte Frau und meine Tochter bereits verzweifelt weinten, denn man hatte ihnen beruhigenderweise gesagt, dass sie mich wohl schwerlich noch einmal wiedersehen würden!
Es gibt doch nichts besseres als mitfühlende Mitmenschen!
Wien war in einem deprimierenden Zustand, obwohl die Stadt kaum bombardiert worden war... dafür hatten aber die Russen nach der Eroberung der Stadt, drei Tage lang gewütet und die meisten Frauen und Mädchen waren vergewaltigt worden, man sah also sehr viele traurige Gesichter und viele Tränen. Wir fanden auch weder Freunde noch Bekannte , also fuhren wir so schnell wir konnten zurück nach Salzburg.
Etwas später musste ich noch einmal nach Wien, um etwas für meine Eltern zu erledigen, aber diesmal fuhr ich alleine und mit dem Auto. Wir hatten einen "Hansa", ein ziemlich schnelles Auto.
Bei der Fahrt durch Linz bekam ich Probleme anderer Art, als bei der letzten Bahnfahrt. Während ich fuhr, hörte ich hinter mir Sirenen heulen, ein Blick in den Rückspiegel und ich sah zwei amerikanische Militärpolizisten ich hielt natürlich sofort an und fragte welches Gesetz ich denn gebrochen hätte...
- " Sie sind zu schnell gefahren, folgen Sie uns"!
Mit heulenden Sirenen fuhren nun beide im echt amerikanischen Stil vor mir her, bis zu einem Gebäude, in dem zu dieser Zeit das Gericht funktionierte.
Trotz der grimmigen Gesichter die die Polizisten machten, waren sie mir wesentlich weniger unheimlich als der russische Soldat aus dem Zug.
In dem Gebäude gab es einen grossen Saal, in den man mich führte . An der Stirnseite war ein Podest aufgebaut und auf diesem Podest wiederum, in ungefähr 2 Metern höhe , stand ein Pult und an dem Pult sass, wie ich bemerkte, ein amerikanischer Schnellrichter .
Neben ihm stand eine blonde Österreicherin, die wohl als Dolmetscherin fungieren sollte.
Ich sei, so sagte der Richter, 45 km/h gefahren, obwohl in dieser Zone eine Höchstgeschwindigkeitsgrenze von 25 km/h galt!
Die Dame sollte mir das nun übersetzen ich winkte aber ab und sagte ihr, ich würde die Strafe auch gerne bezahlen, müsste dann aber eine Quittung dafür kriegen!
Der Richter, bei dem ich mir ziemlich sicher war, dass er ebenso gut deutsch sprach wie ich, fragte auch prompt, wofür ich denn eine Quittung bräuchte ...woraufhin ich ihm erklärte, dass ich Brasilianer war und diese Quittung unbedingt zu einer Zeitung in São Paulo bringen müsste, damit diese darüber dann einen netten Zeitungsartikel schreiben könnte, der dann zusammen mit der Kopie der Quittung beim nächsten Male in der Zeitung erscheinen würde. Da ich dann immerhin ein gutes Honorar dafür bekäme, könne er doch sicherlich verstehen wozu ich die Quittung bräuchte!
- "GO OUT"!!!
...und ich war vom Gericht entlassen.

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