Freitag, 22. Februar 2013

Nachwort

Ich habe probiert soviel es ging, allzu persönliches aus dem Text herauszuhalten. Auch fehlt natürlich noch vieles aus der Zeit nach seiner Rückkehr . Aber  sein Entschluss, letztendlich doch wieder permanent in Deutschland zu leben, war auch der Abschluss für seine grössten Abenteuer, daher beliess ich es dabei.

Nach seiner nunmehr dritten Rückkehr, konnte er nicht sofort wieder mit der Max und Moritzbühne anfangen . Er arbeitete einige Jahre lang in einem Radiofachgeschäft in Hamburg, denn es fehlten ihm die finanziellen Mittel um die Bühne wieder aufzubauen . Er probierte sogar eine Kneipe zu bewirtschaften, denn "wer nichts wird, wird Wirt", wie das alberne Sprichwort lautet. Er konnte die Bühne erst in den frühen Siebzigern, mit Hilfe eines Freundes, der ihm das Geld dafür ohne jede Garantie borgte, wieder eröffnen .
Wir zogen wegen der schwierigen finanziellen Situation sehr oft um, blieben aber nach der Wiederbelebung unserer "Wander"-bühne endlich doch an nur einem Ort, eine kleine Stadt in der Mitte Deutschlands, die ich bis heute liebe und in die ich immer wieder zurückkehre .... Hann. Muenden..."Wo Werra sich und Fulda küssen,Sie ihre Namen büßen müssen und hier entsteht durch diesen Kuss deutsch bis zum Meer der Weser Fluss."

Unsere Bühne bereiste ganz Deutschland, von Bremen nach Rosenheim, von Aachen nach Fulda, wir kamen überall rum (innerhalb der BRD).
Er war bis zuletzt ein "Arbeitstier", in einem Alter, in dem viele bereits Rentner sind, schleppte er persönlich die Kulissen auf die Bühne und baute sie auf . Er fuhr stundenlang, am Tag oder auch bei Nacht. Er hatte die Fähigkeit sich sofort anderen Menschen anzuschließen und Freundschaften zu halten. Er war ein guter Freund in allen Lebenslagen , der Streit zwar hasste, aber auch keinem aus dem Weg ging, wenn es wichtig war.
Er konnte stundenlang ueber Politik diskutieren. Die Nazizeit und die Judenverfolgung waren keineswegs ein Tabuthema für ihn, von ihm konnte man in geschichtlichen Fragen immer eine interessante Antwort bekommen.
Alles zu hinterfragen, nichts sofort zu glauben und keiner Mehrheit nachzulaufen, das habe ich von ihm gelernt.
Aus nichts etwas zu machen, nie still zu stehen und das Wissen , das es immer ein "Morgen" gibt, das haben wir Kinder von ihm auch mitgekriegt.

Ich hoffe, dass es denjenigen die alles gelesen haben, auch Spass gemacht hat.
Wer noch Fragen hat, oder wer noch etwas dazu beitragen möchte, kann mir gerne einen Kommentar hier lassen...die Form eines Blogs erlaubt ja, dass man Änderungen vornehmen kann. Ich habe bereits den einen oder anderen Schreibfehler bei den älteren Kapiteln entdeckt und werde diese im Laufe der Zeit entfernen. Auch hat meine Schwester einen zeitlichen Fehler in einem der Kapitel gesehen , aber da ich deswegen das ganze Kapitel umschreiben muss ,habe ich es noch nicht gemacht....werde ich aber!

Es lohnt sich durchaus auch die kleinen politischen Kapitel zu lesen. Vieles von dem was er da durch-analysiert hatte, beeinflusst unsere Politik bis heute.

Etwas auf das ich auch nicht sehr eingegangen bin, war seine Kritik an der Kirche. Ich kann nicht behaupten, dass er ein Atheist gewesen war, aber er war ganz bestimmt kein religiöser Mensch und hat im Originaltext sehr viel Kritik an der katholischen Kirche, geuebt , weil er fand , das sie wenig dazu beigetragen hatte, die Nazis und deren Verhalten zu stoppen.

Hitler hat versucht das Leben meiner Familie , und das vieler Menschen , auch wenn sie nicht in einem KZ landeten , nachhaltig zu zerstören. Aber letztendlich haben wir das Spiel gewonnen...denn wir sind immer noch da, wir leben, wir lieben und es geht uns, wenn auch um Jahre verspätet, gut. Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

In diesem Sinne denkt daran : Das Leben ist nicht immer schön, aber es ist nie zu spät zum umdekorieren!



Donnerstag, 21. Februar 2013

34 . Kapitel : Ende gut, fast alles gut...

Das wir in Joinville eine Vorstellung in deutsch gespielt hatten, hatte noch ein Nachspiel.
Wir hatten damit einen Präzedenzfall geschaffen und von da ab durfte man wieder offiziell deutsch sprechen. Zu einem neuerlichen Verbot hätte man ein neues Gesetz erlassen müssen und dafür bestand keine Veranlassung mehr .

Wir fuhren kreuz und quer durch Südbrasilien und bekamen auch Anfragen aus Montevideo in Uruguay. Also lernten wir eifrig spanisch. Montevideo erinnerte uns ein bisschen an...Wien! Die Stadt hatte ungefähr eine Million Einwohner, viele Kaffeehäuser und die Liebe zu gutem Essen. Man hoerte auch dort viel deutsch auf den Strassen, es gab eben sehr viel Auswanderer. Im Hafen der Stadt lag immer noch das Wrack des im Kriege versenkten Panzerkreuzers "Graf Spee", der hier Zuflucht gesucht hatte.
http://de.wikipedia.org/wiki/Atlantikschlacht#Kaperfahrt_der_Admiral_Graf_Spee_von_September_bis_Dezember_1939




Leider klappte unsere Tournee durch Uruguay dann doch nicht, denn meine Frau bekam Typhus und musste fast 6 Wochen ins Krankenhaus, meine Tochter bekam ueber lange Zeit hin schmerzhafte Spritzen, damit sie nicht auch krank wurde.



Wir waren froh wieder nach São Paulo zu kommen.
Ich übersetzte allerlei Grimmsche Märchen ins portugiesische und führten die Stücke alle auf.




Hansel und Gretel , Zwerg Nase , Froschkönig und ...






Rotkäppchen ....



und naturlich Max und Moritz :





Zwischendurch bekam ich noch die Möglichkeit nach New York zu fahren. Dort sollte ich ein Auto kaufen um es nach Brasilien zu bringen. Es war ein etwas eigenartiges Geschäft, aber das lag an den Gesetzen.
Es gab ein Gesetz das die Einfuhr von Autos verbot. Dieses Gesetz galt aber immer nur für ein Jahr, dann musste es erneuert werden. Zwischen dem Ablauf und der Erneuerung lagen genau drei Wochen, in denen jedermann ein Auto einführen konnte .
Ich wurde also von einem Käufer,  zusammen mit noch 19 Personen mit dem gleichen Auftrag, nach New York geschickt.
Wir blieben rund vier Wochen. Innerhalb von nur drei Tagen hatte ich den Kauf getätigt , im Wagen wurde alles eingebaut was nötig war, ich bekam alle Dokumente und die Verschiffungsurkunde.
Damit hatte ich ein bisschen Zeit, mich ein wenig umzusehen. Ich suchte ein paar direkte Familienangehörige, Brüder meines Vaters,  von denen ich wusste, dass sie in New York lebten . Aber nach dem dritten Telefonbuch, in dem seitenlang  mein Nachname stand, gab ich es auf.

Zurück in São Paulo , arbeitete ich als Reporter bei der deutschsprachigen Zeitung "Diário Alemão" und einige Zeit danach auch als Redakteur bei der "Brasil-Post", einer Zeitung die hauptsächlich auf dem Lande gelesen wurde bis hinunter nach Paraguay, denn dort lebten in den "Missionen" sehr viele deutsche Siedler.

Im Oktober 1952 kam meine Tochter Susanne zur Welt.






In dem gleichen Jahr verstarb mein Stiefvater, der inzwischen längst wieder nach Salzburg zurückgekehrt war.
Unser Haus in Salzburg hatte er , ohne mich als Erben zu berücksichtigen, auf dem Sterbebett der Stadt überschrieben.
Im Jahre 1955 entschieden wir uns, diesmal zu viert, wieder nach Deutschland umzusiedeln.


Töchterchen Susanne....





Auch in Deutschland zog ich wieder die Max und Moritzbühne auf.





Im Jahr 1959 wollte meine Frau wieder zurueck nach Brasilien, weil sie ihre Familie vermisste und auch ich fuhr einige Monate später hinterher. Ich blieb dort dann noch rund zwei Jahre, bis ich mich (fast) endgültig für Deutschland entschied.


**********
Schlussbilanz...

In meinem weiteren Leben gab es noch viele Höhen und Tiefen, sehr viel Hin und Her.
Dieses Zigeunerleben schadete letztendlich meiner Ehe und wir trennten uns.
Ich fing noch einmal ganz von vorne an, heiratete eine Schauspielerin, bekam noch ein Kind, meine nunmehr dritte Tochter.
Die Max und Moritzbühne begleitete mich treu bei meinen Wanderungen zwischen Deutschland und Brasilien bis ins hohe Alter. Sie wurde 1986 verkauft, als mich mein Weg noch ein letztes Mal zurück nach Brasilien führte .

Alles in allem kann man wirklich sagen : Ende gut, fast alles gut!

33 . Kapitel : Das Verbot!





Im Aluminium Theater in Rio spielten wir pro Woche zweiundzwanzigmal. Montags bis Freitags je zweimal, Samstags dreimal, Sonntags viermal, und das bei einer Hitze die im Theater 40° erreichte. Die Firma Coca-Cola verteilte aus Reklamegründen ihr Produkt, eisgekühlt und auch wir bekamen einen Teil davon ab. Das kostete mich acht Tage lang meine Stimme!





Wir begannen eine Tournee durch Südbrasilien, da wo die Deutschen in der Bevölkerung eine Mehrheit bildeten, zumindest in Städten wie Joinville und Blumenau.

Joinville erinnert stark an Holland. Die Stadt wimmelte von Radfahrern.



Dort bat man uns inständig doch zu probieren, ob wir nicht Erlaubnis bekommen könnten die Vorstellung in deutsch zu spielen.
Ich ging also zur Polizeistation und sprach mit dem Polizeichef. Dieser fand das Verbot, deutsch zu sprechen, einen kompletten Blödsinn,  sagte aber auch das er darüber nicht entscheiden könne,  dafür sei das Militär zuständig.
Ich ging also zur Militärverwaltung.
Ich sprach mit dem diensthabenden Offizier und erklärte ihm, wie schwer es meiner Truppe fiel, in einer ihr fremden Sprache spielen zu müssen,  dass wir das aber bis jetzt mit viel Mühe getan hatten und es uns doch somit bestimmt verdient hätten, jetzt auch wenigstens eine einzige Vorstellung in deutsch geben zu dürfen.
 Es handele sich ja auch nur um eine Kindervorstellung!
Der Offizier dachte einige Zeit nach und kam dann zu dem Schluss, dass es eigentlich kein großes Problem wäre,  aber das seine Truppe dies vielleicht nicht so empfinden würde.
   Er würde daher ein Manöver außerhalb der Stadt anberaumen .

Ich ging also freudestrahlend wieder zurueck zum Polizeirevier und sagte dem Polizeichef, dass er jetzt bekanntgeben könne, dass es IHM gelungen sei, die Erlaubnis des Militärs für die Vorstellung in deutscher Sprache zu bekommen.
Das sprach sich wie ein Lauffeuer herum.

Nachdem wir in Curitiba gespielt hatten, waren unsere Kulissen und Kostüme von einer Spedition abgeholt worden, um sie nach Joinville zu bringen,  bis jetzt waren die Sachen aber immer noch nicht angekommen. Ich probierte bei der Spedition anzurufen, konnte aber nicht, denn die Telefonlinien zwischen den beiden brasilianischen Staaten Santa Katharina und Paraná, waren wegen eines Streites zwischen ihnen, ausser Betrieb gesetzt worden.
Da unsere Sachen nicht da waren, mussten wir also den Termin verschieben, mit ungeahnten Folgen!

Mitten in der Nacht klopfte es wie wild an meine Zimmertür.
Es war der Polizeichef persönlich . Die Vorstellung müsse unbedingt am nächsten Tag stattfinden, keinesfalls später!!!

Ich versuchte ihm klarzumachen, dass wir ohne Kostüme und Kulissen kein Theater spielen könnten....
Dies sei ihm egal, sagte der Polizeichef....die Leute in der Stadt würden nämlich glauben , er hätte die deutsche Vorstellung wieder verboten...dabei ging er bis zum Fenster meines Zimmer und zeigte beunruhigt mit dem Finger nach draussen, damit auch ich sehen konnte, warum er so aufgeregt war.
Der Platz vor dem Hotel war nämlich voller , teilweise bewaffneter, Menschen. Der Polizeichef mit seinen wenigen Polizisten, war diesem Ansturm einer wütenden Menge nicht gewachsen und die Soldaten des Militärstützpunktes waren ja alle auf dem Manöver!

Da ich seine Sorgen nun besser verstand, nahm ich mir ein Taxi und fuhr nach Curitiba zu dem Spediteur. Dort lagen unsere Sachen friedlich in einer Halle. Man hatte alles wieder ausgeladen, weil es eine lohnendere Fracht gegeben hatte!
Ich konnte den Inhaber der Spedition aber mit Engelszungen dazu überreden noch in dieser selben Nacht die Fracht persönlich nach Joinville zu bringen.
Der Laster mit unseren Sachen wurde bei seiner Ankunft mit grossem Jubel empfangen und der Polizeichef hielt eine Rede, in der er betonte, welch grosse Mühe er sich gegeben hätte, dieses Gastspiel zu ermöglichen!

Und so wurde also, nach elf Jahren des Verbotes der deutschen Sprache, die erste Vorstellung in deutsch gespielt.
Max und Moritz machten es möglich!




Mittwoch, 20. Februar 2013

32 . Kapitel : Max und Moritz in Brasilien...

Wir kehrten Ende 1947 wieder nach Brasilien zurueck, diesmal kam meine Mutter auch mit, denn sie wollte sehen , ob es möglich wäre dort zu leben und Geld zu verdienen , auch ohne Theater.
Sie hatte in Österreich einige Kurse belegt, für Gesichtspflege und Kosmetik, und gedachte einen Schönheitssalon zu eröffnen.
Das Kapital bekam sie in Brasilien von einem Bekannten geborgt, einem brasilianischen Theaterdirektor, namens Ernesto Farina und so reiste sie wieder zurueck nach Österreich, um einige Sachen der Max und Moritzbühne, die wir noch drüben hatten, zu verschiffen.
Kostüme , Kulissen und auch einen Konzertflügel, den sie Herrn Farina in São Paulo versprochen hatte zu besorgen.

Und dann machte das Leben wieder einmal eine seiner berühmt - berüchtigten, und aus gutem Grunde gefürchteten Drehungen...

Ich bekam nach 14 Tagen ein Telegramm von Fredy :
- " Mutter gestorben, komm sofort hierher"!
Das war ein schrecklicher Schock....
Ich konnte nicht nach Salzburg fliegen und für das Begräbnis wäre ich ohnehin schon zu spät gekommen....




Mit dem Tod meiner Mutter begannen für mich Zeiten einiger finanzieller Sorgen. Wie sollte ich die geborgte Summe für den Konzertflügel zurückzahlen? Waren die Theatersachen noch vor ihrem Tod verschifft worden? War der Konzertflügel auch dabei ? Was sollte ich mit dem bereits gemieteten und eingerichteten Salon machen?
Ich schaffte es mit dem Inhaber de Salons zu verhandeln und die Einrichtung wieder zurückzugeben.
Fredy sagte mir der Flügel sei gekauft worden und das er ihn und auch die anderen Sachen nach Brasilien bringen könnte, wenn ich für ihn und eine junge Schauspielerin, die er gerne mitnehmen wollte, das Ticket bezahlen würde.
Ich brauchte den Flügel, denn dieser gehoerte ja Herrn Farina . Ich borgte mir nochmals etwas Geld und schickte es Fredy, damit er kommen konnte.

Das argentinische Schiff, das er gebucht hatte, kam nach ein paar Wochen an, mit Fredy und der jungen Dame in seiner Begleitung, aber ohne den Konzertflügel!

Alle bestätigten  dass der Flügel verladen worden war. Ich hatte es sogar schriftlich. Nichtsdestotrotz, war von ihm weit und breit nichts zu sehen.
Man sagte mir, man hätte wohl vergessen ihn auszuladen. Ich müsste also warten, bis das Schiff aus Buenos Aires wieder zurück käme.

Vier Wochen später kam das Schiff, der Flügel allerdings mitnichten!....Er sei aber bestimmt ausgeladen worden, nur wusste niemand genau wo!

Nochmal zwei Wochen später bekamen wir einen Anruf aus Santos. Der Flügel sei dort....wir fuhren sofort hin, aber ich wusste bereits, dass das nicht gut sein konnte. Er stand seit zwei Monaten am Kai in Santos, einem der heissesten Häfen der Welt, bei Regen und Sonne. Viel konnte nicht mehr davon übrig geblieben sein.
Tatsächlich war nur noch Staub da und ein paar Elfenbeinplättchen, das waren wohl mal die Tasten gewesen.
Natürlich kam es zu einer Beschwerde, aber natürlich brachte diese auch nichts. In Brasilien laufen die Dinge eben anders als anderswo.

Was aber jetzt? Der Flügel war ja eine bereits bezahlte Bestellung gewesen.
Herr Farina, der Besitzer dieses Unglücksflügels  liess mit sich handeln und fragte, ob wir nicht als Ausgleich, eine Kindervorstellung in portugiesischer Sprache geben könnten. Das war immerhin eine Idee.
Die Kiste die mein Vater mitverschifft hatte, enthielt einige wichtige und für ein Theater wertvolle Dinge, wie alte Schwerter und Rüstungen, die aber für mich im Augenblick ziemlich wertlos waren.
Aber ich hatte die Leute die unser Hauptstück in und auswendig konnten, wenn auch in Deutsch. Es gab aber in Brasilien auch eine Übersetzung von Max und Moritz, unter dem Namen "Juca e Chico". Mithilfe dieser Übersetzung konnte ich das Stueck dann in die portugiesische Form umschreiben .
Ich muss dazu auch noch sagen, dass damals Kindervorstellungen gespielt von Erwachsenen, in Brasilien unüblich waren. Herr Farina kannte diese Art von Theater also nicht und war sehr neugierig es auszuprobieren.




Wir gingen daran die Vorstellung vorzubereiten. Unsere beiden deutschen Schauspielerinnen die kein portugiesisch sprachen, mussten die Texte phonetisch lernen. Man kann dabei nicht improvisieren, denn dann fehlen einem ja die Worte.... Für die Rollen von Max und Moritz engagierte ich zwei Töchter des Schuldirektors meiner Tochter, alle männlichen Rollen übernahm ich selbst.
Wir bestellten Plakate, Flugzettel und Programme.




Es wurde ein voller Erfolg und so spielten wir eine Woche lang stets vor ausverkauftem Haus.





Unser Erfolg sprach sich in Theaterkreisen schnell herum und ein Impresario aus Rio de Janeiro kam, um uns für ein neugebautes kleines Theater , namens "Teatro de Alumínio", das wir eröffnen sollten,  zu buchen.

Also ging es los nach Rio....


Montag, 18. Februar 2013

31 . Kapitel : Zerstörung

Ich wollte auch sehen wie es in anderen Städten in Deutschland aussah, und so fuhr ich zuerst mal nach München. Es war kein schöner Anblick.
Während Salzburg kaum Kriegsschäden hatte, war München größtenteils zerstört worden. Nur die Innenstadt und das schöne Rathaus stand noch.



Ich fuhr weiter nach Nürnberg, dort war ich zum letzten Mal in der Reichspogromnacht gewesen. Ich hatte gelesen, das Nürnberg schweren Bombardierungen ausgesetzt worden war...
Als ich am Bahnhof ankam, fielen mir zuerst grosse Scharen von Kindern auf. Die ganze Bahnhofshalle war voll von ihnen.
Diese Kinder hatten allesamt ihre Eltern auf der Flucht verloren und wussten nicht wohin sie gehen sollten. Einige klammerten sich an mich und baten darum mitgenommen zu werden...es war ein tieftrauriges Erlebnis! Diese kleinen Menschen waren ohne Schuld.
Ich trat aus dem Bahnhof heraus und mir bot sich ein sehr eigenartiger Anblick.
Bekanntlich ist ja die historische Innenstadt Nürnbergs von einer Mauer umschlossen. Ich trat bis an die Mauer heran und konnte ohne jedwedes Hindernis bis auf die andere Seite des Mauerrings sehen. Es war alles dem Erdboden gleichgemacht!




Nürnberg war die Stadt der Reichsparteitage, der Nürnberger Gesetze, des Julius Streicher ( Herausgeber des Schundblattes "Der Stürmer")....dennoch war diese Zerstörung reiner Terror und hatte mit Kriegsgeschehen kaum noch etwas zu tun .
Zu dieser Zeit fanden auch die Nürnberger-Prozesse statt , bei denen ich lieber ein neutrales Land auf dem Richterstuhl gesehen hätte! Amerika als eine der Kriegsparteien hätte dies nie übernehmen dürfen!

Das einzig Gute bei meinem Besuch in dieser Stadt, war das Wiedersehen mit meiner Cousine Margot .

Nachdem was ich bis jetzt von Deutschland gesehen hatte, beschloss ich wieder nach Brasilien zurückzukehren, denn meiner Einschätzung nach, würde es mindestens 50 Jahre brauchen bis in Deutschland wieder ein normales Leben möglich sein wäre. Und so lange konnte ich nicht warten.


30 . Kapitel : Spezielle "American Stories"...

Während ich noch in Salzburg war, bat mich ein guter Freund , der in einem Reisebüro arbeitete, ob ich wohl so nett wäre ein paar Amerikanerinnen durch die Stadt und die Umgebung zu chauffieren. Es gab nur sehr wenige Autos, denn die meisten waren während des Krieges beschlagnahmt worden. Ich sagte gerne zu und die Fahrt war sehr drollig. Es waren etwas ältere Damen, sehr nett und auch sehr neugierig. Von jeder auch noch so kleinen Bergspitze wollten sie den Namen wissen, aber ich hatte meist nicht die geringste Ahnung welche Namen diese hatten.
Da ich aber höflich sein wollte und man als "Gastgeber" sowas ja schließlich wissen müsste, fing ich an den Bergen allerlei verrückte und zungenbrecherische Namen zu geben. Einer davon war somit der berühmte "Oachkatzerlschwoaferlspitz"! Die Damen bemühten sich, zu meinem außerordentlichen Vergnügen, diesen Namen nachzusprechen...sie schafften es nicht , aber  fanden es "wonderful"!!!



Die Amerikaner waren ohnehin etwas besonderes.

Als ich eines Tages nach Freilassing fuhr, ging mir der Sprit aus. Benzin konnte man nur mit Marken bekommen und man bekam immer nur sehr wenige davon. Das war ein grosses Problem, da wir ja sehr oft nach Freilassing mussten.
Ich stand fast genau vor der amerikanischen Kaserne und wusste nicht  was ich nun machen könnte  als mir einfiel, dass ich ja praktisch als Brasilianer zu den Amerikanern gehörte...ich ging also in die Kaserne, stiess dort auf einen Sergeanten der mich fragte was ich wollte. Meinen brasilianischen Pass zeigend, bat ich um Hilfe.

-"Ouh, we'll help you"!

Er rief auf der Stelle ein paar Soldaten und nach einiger Zeit brachten diese auch wirklich zwei grosse Kanister mit Benzin.
Ich bedankte mich herzlich und die Soldaten fragten mich, ob ich wohl ein paar "Brazilian Dollars" hätte.
Ich hatte tatsächlich ein paar brasilianische (wertlose) Geldnoten dabei, die ich ihnen natürlich gerne gegen echte amerikanische  Dollarnoten eintauschte.
Ich traf die gleichen Soldaten noch einmal an Sylvester in Freilassing. Sie begrüssten mich und fragten, ob ich wieder Benzin bräuchte und ob wir über Sylvester denn auch genügend zu essen hätten.  Ich machte ein etwas zweifelndes Gesicht...

-"Wait a moment"!

Nach ein paar Minuten kamen sie wieder, mit einem bratfertigen Puter, den sie mir mit den besten Wünschen für ein frohes 1947 in die Hand drückten.
Diesen Puter über die Grenze zu bekommen war etwas schwierig, wegen des Verbots der Ausfuhr von Lebensmitteln aus Deutschland, aber ich kannte die Gegend gut genug um einen Grenzübergang zu kennen, der wenig genutzt wurde.
Ich fuhr ohne anzuhalten einfach mit Vollgas über die Grenze bis nach Hause. Damals waren die Zöllner noch schlecht ausgerüstet, heute würde ich das wohl eher nicht mehr machen.



Freitag, 15. Februar 2013

29 . Kapitel : Was einem damals so alles passieren konnte!!!

Meine Frau, die aus Wien stammte, wollte eines Tages dorthin, um zu sehen, ob sie noch irgendwelche Verwandte, Bekannte oder Freunde finden könne . Ich hatte auch Lust nach Wien zu fahren, also nahmen wir unser Kind und fuhren mit der Bahn hin.
In Linz änderte sich plötzlich das Zugpersonal, denn Linz befand sich in der russischen Zone, dass war für uns "Neuland", denn bisher waren wir immer nur in der amerikanischen Zone gewesen. Ein russischer Soldat kam zu uns und forderte unsere Pässe. Wir gaben sie ihm. Er blätterte in dem ihm unbekannten Dokument, sah keinerlei russischen Stempel und sagte :
- "Raus"!
Ich sollte also mitgehen. Ein bisschen später erkannte ich, dass das "Raus" nicht feindlich gemeint war....er kannte eben nur dieses eine Wort auf deutsch !
Er ging also mit mir zum Gepäckwagen, riss die Tür auf, sah den diensthabenden Bahnbeamten und sagte wieder :
- "Raus"!
Der Bahnbeamte verschwand und ich folgte ihm in den Güterwagon , heimlich überlegend wie ich ihn wohl am besten zur Strecke bringen könnte , da ich an Verhaftung, Abschiebung und Sibirien dachte....davon hatte man mir nämlich bereits die schlimmsten Geschichten erzählt!
- " Du Zigarett "??
Ach so! Der allgemein und überall herrschende Zigarettenhandel! ( http://www.return2style.de/1939-49/schwarzmarkt/schwarzmarkt1c.htm )

 Ich zog ein angebrochenes Päckchen aus meiner Hosentasche. Selbst Nichtraucher hatten zu diesen Zeiten immer ein paar Zigaretten dabei, denn dies war gleichbedeutend mit Geld oder einem Gefallen!
- "Nicht mehr" ? ( er sagte das nicht, sondern machte ein paar fragende Handbewegungen!)
- "Nichts"!
Er machte die Tür auf und sagte :
- "Raus"!
Wir gingen wieder zurück ins Abteil, wo meine aufgeregte Frau und meine Tochter bereits verzweifelt weinten, denn man hatte ihnen beruhigenderweise gesagt, dass sie mich wohl schwerlich noch einmal wiedersehen würden!
Es gibt doch nichts besseres als mitfühlende Mitmenschen!



Wien war in einem deprimierenden Zustand, obwohl die Stadt kaum bombardiert worden war... dafür hatten aber die Russen nach der Eroberung der Stadt, drei Tage lang gewütet und die meisten Frauen und Mädchen waren vergewaltigt worden, man sah also sehr viele traurige Gesichter und viele Tränen. Wir fanden auch weder Freunde noch Bekannte , also fuhren wir so schnell wir konnten zurück nach Salzburg.

Etwas später musste ich noch einmal nach Wien, um etwas für meine Eltern zu erledigen, aber diesmal fuhr ich alleine und mit dem Auto. Wir hatten einen "Hansa", ein ziemlich schnelles Auto.
Bei der Fahrt durch Linz bekam ich Probleme anderer Art, als bei der letzten Bahnfahrt. Während ich fuhr, hörte ich hinter mir Sirenen heulen, ein Blick in den Rückspiegel und ich sah zwei amerikanische Militärpolizisten  ich hielt natürlich sofort an und fragte welches Gesetz ich denn gebrochen hätte...
- " Sie sind zu schnell gefahren, folgen Sie uns"!
Mit heulenden Sirenen fuhren nun beide im echt amerikanischen Stil vor mir her, bis zu einem Gebäude,  in dem zu dieser Zeit das Gericht funktionierte.
Trotz der grimmigen Gesichter die die Polizisten machten, waren sie mir wesentlich weniger unheimlich als der russische Soldat aus dem Zug.
In dem  Gebäude gab es einen grossen Saal, in den man  mich führte . An der Stirnseite war ein Podest aufgebaut und auf diesem Podest wiederum, in ungefähr 2 Metern höhe , stand ein Pult und an dem Pult sass, wie ich bemerkte, ein amerikanischer Schnellrichter .
Neben ihm stand eine blonde Österreicherin, die wohl als Dolmetscherin fungieren sollte.
Ich sei, so sagte der Richter, 45 km/h gefahren, obwohl in dieser Zone eine Höchstgeschwindigkeitsgrenze von 25 km/h galt!
Die Dame sollte mir das nun übersetzen  ich winkte aber ab und sagte ihr, ich würde die Strafe auch gerne bezahlen, müsste dann aber eine Quittung dafür kriegen!
Der Richter, bei dem ich mir ziemlich sicher war, dass er ebenso gut deutsch sprach wie ich,  fragte auch prompt, wofür ich denn eine Quittung bräuchte ...woraufhin ich ihm erklärte,  dass ich Brasilianer war und diese Quittung unbedingt zu einer Zeitung in São Paulo bringen müsste,  damit diese darüber dann einen netten Zeitungsartikel schreiben könnte, der dann zusammen mit der Kopie der Quittung beim nächsten Male in der Zeitung erscheinen würde. Da ich dann immerhin ein gutes Honorar dafür bekäme, könne er doch sicherlich verstehen wozu ich die Quittung bräuchte!
- "GO OUT"!!!
...und ich war vom Gericht entlassen.

28 . Kapitel : Die Schmuggler



Wir wurden sehr herzlich empfangen. Man hatte uns ein Zimmer eingerichtet mit allem was wir anfänglich brauchen konnten.
Jetzt war ich erst einmal neugierig, was es mit dem Umbau des neu gepachteten Theaters auf sich hatte und sah mir das Ganze, etwas misstrauisch an. Tatsächlich stellte ich dabei dann fest, dass der beauftragte Architekt, meine Eltern über den Tisch gezogen hatte. Die meisten Umbauarbeiten waren komplett unnötig oder einfach überteuert.  Der von ihm errechnete Platz für die Zuschauer war viel zu klein. Ein Theater muss mindestens 400 Leute aufnehmen können um überhaupt rentabel zu sein, hier gab es aber nur Platz für maximal 250 Personen. Ausserdem war der Pachtvertrag mit nur 10 Jahren zu kurz. Ich musste meine Mutter leider mit diesen Tatsachen konfrontieren...
Die einzige Möglichkeit eine totale Pleite zu verhindern war, das Theater dem Stadttheater von Salzburg , als "kleines Theater" zu verkaufen. Nach einigen zähen Verhandlungen kam der Vertrag zustande und es wurde als "Kammerspiele" dem Stadttheater angeschlossen.

Unser eigenes Heim hatte derweil viele Besucher und einige waren durchaus als Dauergäste bei uns einquartiert. Diese hatten während der letzten harten Zeiten viel durchmachen müssen und waren zum Teil bei der "Résistance" gegen Hitler gewesen....und meine Mutter schaffte das beinahe Unmögliche,  immer genug zu Essen für alle zu haben.
Die Erklärung hierfür war denkbar simpel.... Es gab nämlich in Salzburg ein großes UNRRA ( United Nations Relief and Rehabilitation Administration )- Lager, das waren die Auffanglager für diejenigen, die nach dem Krieg als Überlebende aus den Konzentrationslagern befreit worden waren und die noch nicht wussten wo sie hin konnten oder sollten. Diese Lager wurden natürlich sehr gut mit Lebensmitteln versorgt. So gut, dass ein Überfluss bestand. Auch in Bayern, gleich hinter der österreichischen Grenze, in Freilassing,  gab es ein solches Lager.



Zwischen beiden Lagern gab es einen lebhaften Handel und wenn es einem gelang sich dazwischen zuschieben,  dann konnte man an Lebensmittel herankommen. Wurstwaren, Eimer voll Marmelade, Käse  Butter oder ähnliches, fand auf diese Art den Weg zu unserem Haus.

Bei meiner Ausreise aus Brasilien, hatte ich einen brasilianischen Ausreise-pass bekommen, er sah genau aus wie der normale brasilianische Pass, allerdings war er gelb, weil er eben nur zur Ausreise bestimmt war....das wusste aber niemand und ich galt als "echter" Brasilianer, also Amerikaner (im weiteren Sinne) und konnte daher die Grenze überschreiten so oft ich wollte. Das Gleiche galt natürlich auch für meine Frau. Diese Tatsache verwickelte uns in ein ganz spezielles Schmugglerabenteuer .

Der Schmuggel der Lagerinsassen bestand darin, Goldmünzen aus Österreich nach Deutschland und Goldbarren von Deutschland nach Österreich zu befördern . Worin dabei das Geschäft lag, habe ich nie wirklich begriffen, denn für mich war Gold eben Gold, egal in welcher Form.
Die Goldmünzen dieses Handels, stammten ursprünglich von jüdischen , amerikanischen Soldaten, denn eine jüdische Mutter lässt ihren Sohn nicht einfach in einen Krieg ziehen , ohne ihm etwas für einen Notfall mitzugeben, in diesem Fall eben eine, von der vorsorglichen Mutter  in die Uniform eingenähte "Eagle" Goldmünze!




Oftmals hatten nun aber diese jungen jüdischen Soldaten, die selbst keinerlei Not hatten, grosses Mitleid mit den ausgemergelten Lagerinsassen, und schenkten ihnen für einen Neuanfang ins Leben ihre Münzen. Sie schafften somit  eine Basis für allerlei Handel.
Wie sie allerdings zu den Goldbarren kamen habe ich nie erfahren.

Eines Tages hatten wir also mindestens hundert solcher Münzen aus dem Salzburger Lager bekommen, damit wir sie nach Freilassing bringen konnten. Es war ein kalter Winter und meine Frau nahm die Goldmünzen und steckte sie unter ihre Bluse. Wir fuhren los und ausgerechnet an der Grenze, die auf einer Anhöhe lag,  liess uns unser Wagen im Stich und liess sich auch durch noch so gutes Zureden nicht dazu bewegen, weiterzufahren! Das war schlimm, denn Goldschmuggel war auch "Amerikanern" verboten.
Die Grenzer waren nett und hatten meine Bemühungen, den Wagen wieder in Gang zu bekommen, beobachtet. Sie kamen also zu uns und luden meine, mit ihrer geschmuggelten "Goldlast" beladene Frau dazu ein, in den geheizten Wachraum zu gehen. Mir wurde bei dem Gedanken ganz übel!
Das Risiko war einfach zu gross. Daher winkte ich ablehnend ab und sagte das es vollkommen genügen würde, wenn sie uns helfen könnten den Wagen kurz anzuschieben, weil dieser dann gewiss wieder anspringen würde.  Sie schoben uns tatsächlich , aber der Wagen blieb stur und stumm....Ich liess meine Frau im Auto und ging zurueck zum Grenzposten, um zu sehen ob ich wohl telefonieren dürfte....und ich durfte!
Ich rief zu Hause an und nach einer halben Stunde kam ein Mechaniker und Fredy mit einem Zweitwagen. Fredy blieb mit ihm bei unserem Unglückswagen, und wir fuhren mit dem anderen schnellstmöglich weiter.
Im Lager von Freilassing angekommen, stieg meine halb eingefrorene Frau aus dem Auto und der ganze Goldsegen kullerte ihr aus der Bluse.
Gott sei Dank waren auch die richtigen Empfänger bereits zur Stelle und konnten alles in Windeseile aufsammeln. Wenn uns dies allerdings an der Grenze passiert wäre , hätte alles ein weniger gutes Ende genommen!
So bekamen wir unseren verdienten Lohn in Form von Wurst , Butter, Käse und Marmelade und fuhren glücklich wieder nach Salzburg zurueck.

Diese Fahrten von Salzburg nach Freilassing, oder auch nach Reichenhall machten wir dann jede Woche.

Donnerstag, 14. Februar 2013

27 . Kapitel : Kehrtwende....

Während wir eines Tages bequem in unserem Büro saßen und überlegten wie man noch ein bisschen Geld dazuverdienen könnte , ging die Tür auf  und ein Herr namens Ernani Bessa kam herein. Er stellte sich als Maler oder besser, Zeichner von Beruf vor und erzählte uns von der Möglichkeit , mit einem fototechnischen Mittel, Radioskalen herzustellen. Wir waren ja immerhin in dieser Branche tätig und waren bereit, das Ganze auszuprobieren.
Radioskalen wurden bis dato sehr teuer aus den U.S.A. eingeführt.




In der Garage meines Hauses machten wir einige Experimente und siehe da, es funktionierte tatsächlich! Wir boten fortan Radioskalen an. Daraus entwickelte sich eine richtige kleine Industrie, die dann auf Silkscreen umwechselte und uns ging es jetzt ziemlich gut.

Unterdessen ging der schreckliche Krieg zu Ende. Man schrieb den 08.Mai 1945. Ein paar Monate später , am 02.September 1945,  war der Krieg dann auch in Japan vorbei.

Ich war seit nunmehr 6 Jahren in Brasilien. Die verschiedensten Menschen, die fast alle das gleiche Schicksal hatten, lebten hier in Eintracht und Frieden und ohne allzu grosse Ansprüche beisammen. Jetzt nach Kriegsende, fing aber doch ein jeder wieder an, individuelle Pläne zu schmieden und Ausschau zu halten nach besseren Aussichten . Meine Schwiegereltern beispielsweise, liebäugelten mit der Idee in die Vereinigten Staaten auszureisen, denn meine Schwiegermutter hatte dort einen Bruder, der vielleicht eine Einreiseerlaubnis für beide beschaffen konnte. Sie schrieben einen Brief mit der entsprechenden Bitte und warteten gespannt auf die Antwort...diese kam dann auch in Form eines Telegramms , mit einem eher drolligen Inhalt :
- Sonne muss und wird Wolken durchbrechen!
Was das nun genau bedeuten sollte war unklar, aber sicher war, mit der Einreiseerlaubnis war auf diesem Wege nichts zu machen.

Ich bekam ebenfalls Post meiner Eltern, mit der Mitteilung, dass es ihnen gut ginge und das sie wieder in unserem Haus in Salzburg lebten. Sie hatten ein Haus gepachtet, welches sie nun zu einem Theater umbauten...und dies zu einer Zeit in der man alles was man brauchte, nur auf dem Schwarzmarkt bekommen konnte. Daher konnte ich mir unter ihren Plänen auch nichts vorstellen, aber eines hatten sie auf alle Fälle geschafft. Sie hatten in mir die Sehnsucht nach Deutschland , Österreich, Salzburg, unserem Haus und der deutschen Sprache wieder geweckt .

Ich wollte unbedingt wieder zurück!

1946 gab es die Möglichkeit mit einem amerikanischen Handelsschiff nach Italien zu kommen. Italien hatte sich rechtzeitig genug von der Allianz mit Deutschland gelöst. Mussolini und seine Frau wurden umgebracht und das Land galt nicht mehr als feindliches Ausland. Trotz einiger Warnungen meiner Freunde besorgte ich die Tickets nach Genua.
Unser Reiseschiff war ein sogenanntes Liberty- Schiff...

Foto: Public Domain
mfg Peter Hartung Liberty-Schiff "Carlos Carillo", datiert ca. 1945/1946.

   
Eigentlich waren das Handelsschiffe, aber sie hatten einige gut ausgerüstete Kabinen und in einer von ihnen war meine kleine Familie gut untergebracht. Es gab reichlich zu Essen und alle waren sehr nett. Der Kapitän war selbst für einen Amerikaner ein echter Hüne und hatte ähnliche Angewohnheiten wie Captain Haddock aus Tim & Struppi...er trank Whisky aus ziemlich grossen Wassergläsern und zwar auf  "ex"! Er war bereits wegen Trinkens zur Handelsmarine versetzt worden, aber er war auch ein netter Kerl und die Mannschaft hatte trotz allem grossen Respekt vor ihm...

Da noch immer das Kriegsrecht auf den Schiffen galt,  durften wir nicht an Land, wenn das Schiff irgendwo anlegen musste. Tag und Nacht stand einer der Matrosen Wache am Bug, um nach schwimmenden Minen Ausschau zu halten. Kein sehr beruhigender Anblick.

Hafen von Genua in Italien...

In Genua gingen wir von Bord und fuhren den Rest des langen Weges nach Österreich mit der Bahn. Dort stand bereits meine Mutter an der Grenze, mit einem Ausweis in der Hand, den sie mir besorgt hatte.
Der Grenzübertritt war einfach, die Grenzer waren alle neu und hatten noch keine genauen Anweisungen, so schauten sie sich den Ausweis kurz an und winkten uns durch. Das war alles.
Ich hatte soviel von der Zerstörung jeder Infrastruktur in Europa gehört, es überraschte mich, dass alles so glatt lief, aber das waren ja auch nur die materiellen Strukturen, die einfach wieder aufgebaut werden konnten.
Die Fassade  der Normalität stand und war gut angemalt, dahinter aber, lagen alle Ruinen die der Krieg zurückgelassen hatte.
Heitere Fröhlichkeit war der Stille und der Trauer gewichen. Alles war vorbei, hatte aber merkbare Spuren  zurückgelassen. Die meisten meiner Freunde , die nicht im Krieg gefallen waren und die sowohl noch jung als auch sportlich waren, starben innerhalb der nächsten fünf Jahre, einer nach dem anderen. Ihnen fehlte jede Lust am Leben. Zuviel war geschehen, das nie mehr ungeschehen gemacht werden konnte und die Scham darüber,  machte viele Menschen jetzt im nachhinein noch krank und willenlos.

Meine Mutter und Fredy in unserem Haus in Salzburg...


26 . Kapitel : ...Erklärungen und Ungeklärtes...

Der Krieg ging weiter.

Hitler hatte anfangs unwahrscheinliche Erfolge. Er besetzte Polen und Frankreich und auch die Engländer mussten bei Dunquerque eine bittere Niederlage hinnehmen, als sie versuchten dort zu landen.
Diese Erfolge stiegen , dem aus einfachsten Verhältnissen kommenden Hitler, zu Kopfe....Er kam aus Braunau in Oberösterreich. Die Leute aus dieser Region wurden in Österreich nur "Mostschädel" genannt, weil dieses Getränk dort in Massen genossen wurde und, wie man im Volksmund gehässig sagte : die Kinder meist im Rausche gezeugt wurden! (Ob das so stimmte, will ich einfach mal dahingestellt lassen...)...Wenn man sich also das aufgedunsene Gesicht Hitlers so ansah...und ich habe es selbst gesehen!...mochte man dieses Gerücht durchaus glauben!

Wie dieser "Mostschädel" nun also zu einer solchen Macht gelangt war, konnte man also nur damit erklären , das das Weltkapital riesige Angst vor dem Kommunismus hatte und die Sowjetunion eine nicht zu unterschätzende Macht besass, die man irgendwie stoppen wollte.
Da Hitler ebenfalls die Karte des Antikommunismus ausspielte, wurde er von der Industrie erstmal mit grossen Summen unterstützt. Damit schaffte er es eine grosse private Armee aufzubauen...die SA und die SS, der wiederum nur die Wehrmacht gewachsen gewesen wäre...nur das deren Generäle eben wieder dem Weltkapital angehörten. Diese warnten vor dem Eingreifen, denn man sah im Nationalsozialismus erstmal einen Schutz vor dem Kommunismus und man hoffte wohl auch, dass wenn erstmal die Sowjetunion zerstört wäre , man mit der Reichswehr den ganzen Nazi-Spuk vom Tische fegen könnte.

Wie man heute weiss , war dies eine komplette Fehleinschätzung der Situation und so nahm das deutsche Unglück und das der ganzen Welt, seinen Gang.
Ich habe mich auch lange gefragt, warum keiner der Generäle, weder Rommel noch Udet, die ja die ausweglose Situation sehr wohl längst erkannt hatten und  die Möglichkeit dazu besassen bewaffnet ins Führerquartier zu gehen, nicht einfach dort hin gingen um Hitler niederzuschiessen??
Angst vor dem Tod konnte es nicht gewesen sein, denn beide nahmen sich das Leben...
Warum musste erst eine Organisation aufgebaut werden, die diese Tat dann plante, aber durch die Anzahl der Beteiligten letztendlich verraten wurde...???

Dies sind Fragen die bis heute nicht wirklich zufriedenstellend beantwortet wurden.

Mittwoch, 13. Februar 2013

25 . Kapitel : Über Menschlichkeit und Fehlbarkeit....

Ich brauchte einen "Tapetenwechsel" und probierte mein Glück in Curitiba, einer Stadt in Südbrasilien, mit hoher europäischer Einwanderungsquote.


Curitiba


Jetzt hatte ich zwar eine Arbeitserlaubnis, aber keine richtige Ausbildung, also dachte ich, das der Beruf des Möbelpolierers   genau das Richtige für mich wäre ...was musste man schon so spezielles können um als Möbelpolierer zu arbeiten??
Grosser Irrtum!
Ich bekam den Job bei einer Möbelfabrik von Salomão Guelmann (**unten auf der Seite befindet sich ein link ueber Salomão Guelmann!)  und stellte fest, man musste vielerlei können,  wenn man als Möbelpolierer  arbeiten wollte!
Ganz besonders brauchte man Geduld, weil es sehr viele Arbeitsschritte gab :...schmirgeln, beizen, wieder schmirgeln, nochmals beizen, ölen , lackieren, wieder lackieren und dann nochmal lackieren...kurz und gut...diese Arbeit machte mich wahnsinnig, denn ich war einfach zu ungeduldig!
Allerdings traf ich dann eine Verabredung mit zwei Lehrlingen, die die Arbeit für mich an ihren Wochenenden machte, ich bezahlte sie dafür und kam immer noch gut dabei weg, da ich meinen Service auch privat anbot .
Da meine Frau aber nicht nach Curitiba ziehen wollte, kehrte ich wieder nach São Paulo zurueck   und begann mit Radios zu arbeiten.
Ich gründete zusammen mit einem Freund eine Firma , die Firma "Radio Rex Ltda" . Das wichtigste Stueck bei einer eigenen Firma war eine Schreibmaschine, so wichtig wie heutzutage ein Computer!
Wir hatten aber kein Geld für eine Neue, deshalb schauten wir Inserate an und wurden auch tatsaechlich fündig ..eine "Orga" stand zum Verkauf und wir kauften sie. Weil sie kleine Probleme aufwies, baten wir in einer Schreibmaschinen-Reparaturwerkstatt darum, sie uns zu richten.



Am nächsten Tag bekamen wir allerdings die traurige Nachricht, das es sich um eine gefälschte Orga handelte und sie auch nicht reparabel war. Was sollten wir nun tun? Unser ganzes Geld war dabei drauf gegangen und wir brauchten sowohl eine funktionierende Schreibmaschine, als auch unser Geld zurueck!
Da hatte mein Sozius eine Eingebung...:
-"Es muss in einer Stadt mit 2 Millionen Einwohnern doch mindestens noch zwei Deppen geben, wie wir es sind!"
Wir inserierten die Schreibmaschine für den gleichen Preis den wir bezahlt hatten und prompt fanden wir auch einen Käufer.
Dieser nahm die Maschine mit und kam gleich am nächsten Tag wieder, in Begleitung eines Polizisten....wir erklärten dem empörten Käufer und dem Polizisten,  dass auch wir die Maschine erst kürzlich gekauft hatten, und das sie einfach nur zu gross für uns war...immerhin hatten wir an dem Kauf nichts extra verdient und da wir die Quittung davon noch hatten, war alles gut.
Wir kauften dann eine ueber die Reparaturwerkstatt, die uns ueber die Orga aufgeklärt hatte.

Unsere Firma verkaufte Radiomoebel, bei denen dann der Plattenspieler und die Lautsprecher einmontiert wurden.




Das Geschaeft lief gut und wir hatten erstmal keine Sorgen mehr.
Von meinen Eltern bekam ich während der Zeit nur 4 Briefe, die durch das Rote Kreuz übermittelt wurden. Auch ihnen ging es gut. Meine Mutter und ihre Cousine hatten in Ruhpolding Unterschlupf gefunden, wo der Bürgermeister,  der sehr wohl wusste das beide Jüdinnen waren,  ein oder besser, alle zwei Augen zudrückte  weil er, wie er sich ausdrückte : - Die Haderlumpen von der Partei nicht ausstehen konnte!!

Menschen wie er, erleichtern einem das Atmen....leider waren nicht alle so.

Eine alte Postkarte von Ruhpolding....

** Link:
http://www.visaojudaica.com.br/Junho2006/artigos/18.html

Anmerkung :
Die Begegnung mit Samuel Guelmann hat mein Vater immer erzaehlt, denn er lernte ihn nur kennen, weil er in Curitiba, wo er niemanden kannte, deutsche Nachnamen auf den Namensschildern der Haustüren suchte. Der Nachname "Guelmann" schien zwar deutsch, aber Herr Guelmann war eigentlich aus Polen und sprach nur "jiddisch" (ausser portugiesisch und polnisch)....trotzdem konnten sie sich genau deswegen verständigen  Mein Vater konnte zwar kein jiddisch, aber jiddisch kommt aus dem Mittelhochdeutsch, und ist somit durchaus zu verstehen....Herr Guelmann aber, fiel aus allen Wolken, denn er konnte durchaus nicht begreifen, warum er wiederum deutsch verstand....laut Aussage meines Vaters fragte er erstaunt seine Frau..:" Wie kimmt zu mir deitsch???"

24 . Kapitel : Familiengründung...

Auf dem Weg nach São Paulo überkam mich die Lust auch einmal wieder tanzen zu gehen und es fand sich tatsächlich eine Möglichkeit . Die jüdische Gemeinde gab ein kleines Fest, bei dem man sich mit wenig Geld bei Musik und Tanz ein wenig vergnügen konnte. Dort traf ich zum ersten Mal meine zukünftige Frau, die dort mit ihrem Vater und ihrer Schwester ebenfalls war.

Wir heirateten einige Zeit später, trotz einigem, teilweise erbitterten, Widerstandes ihrer Eltern (durchaus nichts ungewöhnliches  weder damals, noch heutzutage!), denn ich hatte keine feste Anstellung und war auch nicht reich! Ich hatte bereits schon einmal in meinem Leben, wegen finanzieller "Unreife", auf eine Ehe verzichten müssen.(Dazu muss erklärt werden, dass man als Mann damals nur heiratete, wenn man sich das "leisten" konnte....und durch die schwierigen Zeiten hatte ich dazu nie die Möglichkeit gehabt.)
Nun wollte ich aber nicht mehr länger auf eine eigene Familie verzichten. Wir waren verliebt und setzen uns gegen allen Widerstand durch!
Als frischverheiratetes Ehepaar waren wir anfangs, man kann es nicht anders sagen : arm wie die Kirchenmäuse.
Die nächsten Jahre verbrachten wir beide mit den verschiedensten Arbeiten.
Ich hatte zunächst  eine schlecht bezahlte Stellung in einem chemischen Laboratorium der Firma "Matarazzo", während meine Frau als Schneiderin arbeitete.
Dann aber bekam sie ein besseres Angebot in einem grossen Kaufhaus in der Wäscheabteilung, nämlich bei "Mappin", aber leider wurde sie schon kurz darauf krank und musste aufhören.
Weil mein Verdienst bei Matarazzo aber nicht ausreichte,  versuchte ich mein Glück  als Vertreter,  was nicht sehr gut funktionierte, da ich, jedes Mal wenn jemand die Türe öffnete, einfach aus lauter Scham davonlief!
Erst nach einem Monat konnte ich mein erstes Radio verkaufen und brach somit das Eis....danach verkaufte ich jeden Tag recht gut. Bald konnten wir uns sogar ein kleines gebrauchtes Auto leisten.Was sowohl mir , als auch meiner Frau das Leben schwer machte war die fehlende Arbeitserlaubnis...alles was wir taten war "schwarz" und damit eben unterbezahlt.

Währenddessen tobte in Europa der Krieg.

Wir hofften , das wir jetzt , nach Kriegsbeginn, vielleicht endlich eine gültige Arbeitserlaubnis bekämen. Aber erst nachdem U-Boote ein brasilianisches Passagierschiff, die "Araraquara" versenkten,  wobei  rund 300 Menschen ertranken, und es hiess, ein deutsches U-Boot habe das Schiff torpediert, trat auch Brasilien endlich in den Krieg ein und somit zwangen internationale Verpflichtungen und keineswegs menschliche Motive, die brasilianische Regierung, uns Flüchtlingen eine Arbeitserlaubnis zu bewilligen, die uns allen endlich ein wenig das Leben erleichterte.

Die Araraquara, versenkt am 15.08.1942


Bei allen Schwierigkeiten die man auch so schon in meiner Situation  haben konnte, bekam ich auch noch
Ärger von einer Seite von der ich es am wenigsten erwartete. Jemand zeigte mich nämlich bei der jüdischen Gemeinde als "Nazi-Spion" an. Ausgerechnet mich! Das ich blond und blauäugig war, hat wohl ausschlaggebend dazu beigetragen.
Das gab natürlich einigen Krach, bei dem Bedrohungen und Götz von Berlichingens Zitate hin und her flogen. Nach Aufklärung der Fakten, liess man mich dann aber in Ruhe.

In all den Wirren dieser Zeit , kam auch meine erste Tochter, Marion, zur Welt. Man kann sich eben nicht aussuchen in welchen Zeiten man geboren wird......






Dienstag, 12. Februar 2013

Eine kurze Zwischenbilanz als Tochter....




Es ist eine seltsame Sache, fast 9 Jahre nach seinem Tod, noch einmal die Lebensgeschichte meines Vaters, zu lesen. Schließlich hinterlässt ja nicht jeder Vater eine aufgeschriebene detaillierte Beschreibung seines Lebensweges. Vieles was ich in mühevoller Kleinarbeit jetzt überarbeite , kannte ich natürlich schon aus seinen Erzählungen,  aber ich hatte nicht immer das gleiche Interesse daran, wie heute und vieles macht auch jetzt erst einen Sinn.
Meine Schwestern und ich, sind ein Produkt unserer jeweils eigenen Generationen und deren sozialen und politischen Hintergründen,  aber wir wurden hauptsächlich durch unsere Eltern geformt , die wiederum ebenfalls Kinder ihrer eigenen Generationen und deren Hintergründen waren und in ihren jeweiligen Leben sehr viel groesseren Schwierigkeiten gegenüberstanden,  als so mancher Mensch von heute.
Für viele Kinder ihrer Generation , war "eine gute Kindheit" haben  relativ... für manche war eine "gute" Kindheit eben nur genug zu Essen zu haben und nicht nackt durch die Strassen laufen zu müssen...und für andere war eine "gute" Kindheit ,  nackt und hungrig zu sein, aber liebende Eltern zu haben ! Was wir heutzutage als krasse Erziehungsfehler empfinden, oder gar Grausamkeit,  war bei anderen frueheren Generationen komplett normal und wurde auch nicht als besonders schlimm empfunden. Man darf also, wenn man das Leben eines Menschen einer anderen Epoche analisiert, nicht seine eigenen heutigen Maßstäbe als Basis nehmen .Was ist dann also somit "gut" ? Gut ist alles , was wir daraus für unsere eigene Zukunft machen, welche Konsequenzen wir für uns aus allem was war,  ziehen .... und wie wir fortan damit leben!




Mein Vater war ein Produkt seiner Zeit und seiner Erziehung. Die einzige starke Bindung die er je hatte, war zu seiner Mutter. Die Beziehung zum eigenen Vater wurde sehr früh durch dessen Selbstmord zerstört und mit seinem Stiefvater hatte er durchaus kein so gutes Verhältnis,  wie es beim Lesen manchmal den Anschein haben mag.... Diese mangelnde Beziehung zu einer Vaterfigur, prägte ihn für sein ganzes späteres Leben und hatte starke Auswirkungen in seiner eigenen Beziehung zu uns drei Töchtern.  Er hatte nie gelernt was es bedeuten konnte ein Vater zu sein. Fuer ihn war ein Vater  nur eine Figur die eventuell finanzielle  Unterstützung leisten musste und ansonsten war ein Vater in seinen Augen nicht besonders wichtig...er dachte, das nur eine Mutter zu einer liebevollen Beziehung fähig wäre, denn das war die Lektion die sein Leben ihm erteilt hatte! Das es für uns Kinder viel wichtiger gewesen wäre, uns als Vater seine Liebe zu zeigen, konnte er bis zum Ende nicht wirklich begreifen und er wusste nicht einmal genau wie er es denn hätte machen sollen.... Männer seiner Generation zeigten Gefühle nicht!




Das war sein schwerster, wenn auch ungewollter Fehler und auch der Generationenübergreifendste....denn seine distanzierte Art machte uns Kindern viel zu schaffen, auch wenn er über die Jahre doch vieles abmilderte.Ich lernte einen komplett anderen Vater kennen als meine Schwestern. Da er uns innerhalb grosser Zeitunterschiede bekam, war er auch immer ein anderer Mensch in jeder dieser Beziehungen.

Die einzige Konstante in seinem eigenen Leben, war die Liebe seiner Mutter zu ihm und ihr kameradschaftliches Verhältnis,  alles andere war dem untergeordnet, denn alles andere konnte sich ja  verändern...und er brauchte dieses Eine, was immer gleich blieb.
Trotz aller Distanz, sah er seine Töchter  immer als die ihm wichtigsten Persönlichkeiten, die ihn mit viel Stolz erfüllten,  auch wenn er dies fast nie zeigte, er sprach immer nur mit anderen über unsere Vorzüge.  Ich, als  drittes und letztes Kind, war auch diejenige die sich oft anhören musste, wie intelligent und fantastisch meine Schwestern waren! Lange Jahre lang kam ich mit diesen, von ihm über alle Dinge hochgelobten, "Überfiguren"  nicht wirklich klar, denn es war unmöglich so gescheit zu sein und so kreativ wie sie. Heute sehe ich das natürlich in anderem Licht. Erst sehr spät in meinem Leben konnte ich nämlich beide sowohl kennen und als auch lieben lernen.  Wir sind nicht miteinander aufgewachsen und haben verschiedene Mütter.
Heute sehe ich auch, wie sehr wir drei meinen Vater wiederspiegeln, welche Charakteristiken ganz klar von ihm sind und inwiefern dies uns geprägt hat, sowohl im positiven, als auch negativen Sinne.
Eine Sache haben wir alle drei auf jeden Fall von ihm, nämlich seine Liebe zu Büchern, ganz speziell den Fabeln, Sagen und der Fantasy-Literatur !

Die Geschichte also, die ich jetzt nach so langer Zeit aufarbeite, das soll und wird auch nur die Geschichte des Abenteuers und der Zeitgeschichte sein, nicht die ganz private...die gehoert nämlich nur uns drei inzwischen vereinten Schwestern.




Montag, 11. Februar 2013

23 . Kapitel : Abenteuer jeder Art...

Meine Familie kam zwar wirklich die nächsten Wochen an, aber sie reisten auch in Windeseile wieder ab. Nur meine Mutter hatte alles abenteuerlich und interessant gefunden, vor allem so wunderbar Nazi-frei! Aber der Rest meiner Leute hielt es nicht aus. Es war ihnen zu fremd, und so reisten sie nach drei Wochen wieder ab, meine Mutter mit dem Versprechen zu sehen, ob sie irgendwie ueber die Verbindungen ihrer Freundin Aracy , an eine bessere Geldquelle gelangen konnte.

Mein Leben in Cananeia war sehr abenteuerlich. In einer regnerischen Nacht zum Beispiel , schreckte ich aus dem Schlaf hoch, weil irgend etwas an die Tür meines Hauses bollerte, schlaftrunken öffnete ich  und vor mir stand die einzige Kuh des Dorfes auf der Schwelle...das arme Tier war genauso entsetzt wie ich , auf diese Art und Weise mit einem anderen Lebewesen konfrontiert zu werden, sie zog also beleidigt ab und ich konnte ruhig weiterschlafen.
Ueberhaupt sah ich Unmengen von Tieren denen ich noch nie zuvor begegnet war, jedenfalls nicht in freier Natur! Kolibris, die scheinbar mühelos in der Luft "stehen" konnten, Wildschweine, Pacas ,

Paca


kleine Affen und jede Menge Papagaien...Es gab natuerlich auch Schlangen und ein paar sehr unangenehme , weil giftige, Spinnenarten. Man erzaehlte mir zur Beruhigung , dass Wasserschlangen in der Regel nicht giftig sind, aber dies war mir nur ein schwacher Trost, denn es reicht ja wenn man auch nur einer einzigen Giftigen begegnet!
Ah...und das Meer! Ich wollte endlich einmal baden gehen, der Strand lag so verlockend weiss vor mir.  Badehosen hatte ich mit und schon hielt mich nichts mehr. Das Wasser des Atlantik war warm und sehr salzig und trug deshalb besonders gut. Ich fing an weiter rauszuschwimmen, als plötzlich vor mir der grosse Kopf eines Tieres aus dem Wasser ragte. Ausgerechnet ich, der nie an den Teufel geglaubt hatte, glaubte diesen nun, aus purer Rache,  vor mir zu sehen...und so schwamm ich denn auch in rekordverdächtiger Geschwindigkeit zurueck an den Strand . Glücklich auf festem Boden, sah ich lauter grinsende Gesichter um mich herum....es war nur ein Delphin gewesen!
Als ich bei einer Gelegenheit mit dem Lastwagen 10 km ins Landesinnere fahren musste, brauchte ich fuer diese Strecke ganze 8 Stunden! Die Strasse war nur bedingt als solche zu bezeichnen. Sie war glitschig, weil sie aus Lehm war und es vorher geregnet hatte. Es gab mehrere Bäche auf der Strecke, eher Priele, ueber die man nur kam, wenn man vorher eine befahrbare Bruecke baute. Der reine Wahnsinn, aber ein gutes Abenteuer.
Allerdings bekam ich dann aber Schwierigkeiten mit der höhsten Obrigkeit vor Ort , nämlich den Befehlshaber des sechskoepfigen Polizei- Aufgebots . Dieser hatte, ich habe keine Ahnung woher, gehoert das Hitler die Tschechoslowakei besetzt hatte... er hatte zwar nicht die geringste Ahnung wo die Tschechoslowakei war, aber dennoch wurde er praktisch ueber Nacht zum Deutschen-Hasser. Es nützte nichts ihm zu erklären dass ich selbst vor Hitler geflüchtet  war, er war der Ansicht das man alle Deutschen erschiessen sollte und er deutete an , dass er grosse Lust hatte bei mir damit anzufangen!
Ich schlug ihm dann vor, wir könnten uns ja ausserhalb der Stadt duellieren, er war damit durchaus einverstanden und ich habe ihn danach  nie wieder gesehen....allerdings durfte ich nach dieser pittoresken Episode nur noch Arbeiten verrichten , die sonst niemand machen wollte....alles andere war von nun an polizeilich verboten.
Ich grub einige zeitlang Brunnen, aber dann stach mich eine schicksalshafte Mücke und ich bekam die Malaria. Ich musste raus aus Cananeia! Ich verkaufte all mein Hab und Gut, Schreibmaschine und Fotoapparat und kaufte ein Ticket nach São Paulo.

Damit waren meine Abenteuer im Inland fürs Erste beendet!










22 . Kapitel : Entkommen, aber noch nicht gerettet...



Auch in Brasilien gab es Nazis unter der deutschsprachigen Bevölkerung , ganz besonders im Süden des Landes.  Diese Gruppe hatte mehrere Umzüge veranstaltet, in denen sie forderten das Land an Deutschland abzutreten, da es deutsch sei.  Diesem Wahnsinn musste ein Ende gemacht werden und so beschloss Getúlio Vargas , der damalige President Brasiliens,  einige Massnahmen zu ergreifen, wie zum Beispiel zu verbieten , dass in der Öffentlichkeit deutsch gesprochen wurde . Das bedeutete, in keinem Theater, bei keiner Predigt in den Kirchen und in keiner Schule , durfte deutsch gesprochen werden.
Und das ausgerechnet zu der Zeit, in der wir planten Theater in deutscher Sprache zu spielen, da wir ja nun mal kein Portugiesisch sprachen.
Meine Hoffnungen zerplatzten wie Seifenblasen und schwere Sorgen lagen auf meiner Seele. Wie sollten wir hier ohne Geld und ohne Geld verdienen zu können, überleben?
Gott sei Dank hatte ich bereits als Kind gelernt in schwierigen Situationen nicht schnell den Kopf zu verlieren.
 Ich war nach meiner Ankunft in Rio ja erstmal mit meinem Onkel nach Petrópolis gefahren, wo er seinen Wohnsitz hatte...jetzt fuhr ich wieder zurueck nach Rio, um zu versuchen bei dem dortigen grossen orthopädischen Institut , eine Anstellung zu bekommen. Ich sprach mit dem Leiter des Instituts, zeigte meine Ausweise und mein Diplom der Hochschule in Berlin, aber ich hatte keine Chance. Man sagte mir nämlich  ich müsste erst die Hochschule in Brasilien absolvieren, das daure 5 Jahre und erst dann könne man mit mir ueber eine Anstellung sprechen!
Das klappte also nicht.
Dann ging ich zur "katholischen Aktion"(*Die Katholische Aktion (kurz KA) versteht sich als Laienbewegung der katholischen Kirche, die durch Verkündigung des Evangeliums im Laienapostolat im Sinne der katholischen Soziallehredie Gesellschaft und die Kirche mitgestalten will*.). Hier bedachte man sich eine Weile...  :
-"Können Sie Lastwagen fahren?"
-"Ja"
-"Können Sie Motorboot fahren?"
-"Ja"
-" Wir haben in Cananeia eine Fabrik, in der Dauben von Fässern hergestellt werden. Sie können dort arbeiten. Sie kriegen kein Gehalt, aber kriegen ein Haus zur Verfügung gestellt und können auf Kosten der Fabrik im fabrikeigenen Laden einkaufen."
...
Es war fürs Erste die Lösung meiner Probleme, denn ich musste ja meine Familie , deren Ankunft kurz bevorstand, irgendwo unterbringen. Ich sagte also zu und bat  meinen Onkel, die Familie am Hafen abzuholen und nach Cananeia zu schicken...mein Onkel wollte allerdings auch mit, denn er wollte sehen ob es auch für ihn dort eine Möglichkeit zu leben gab .





Ich bekam eine Fahrkarte für einen kleinen Küstendampfer,  der dann auch nach einer Unzahl von Aufenthalten, nach drei Tagen in Cananeia ankam.
Auf der Reise wurde ich von einem Insekt gestochen, was meinen Fussknöchel anschwellen liess, sodass ich humpelnd ankam. es dauerte ganze zwei Wochen bis ich wieder normal gehen konnte.
Cananeia war ein kleines Nest, mit rund 1200 Einwohnern, galt aber trotzdem als Kreishauptstadt. Die Fabrik war das grösste Gebäude das es gab. Der leitende Ingenieur war ein Herr Schulz, der auch deutsch sprach. Es gab rund 20 Beschäftigte. Einer von Ihnen, ein Senhor Luís, stammte aus Santa Catarina und sprach das eigentümliche Deutsch der Südbrasilianer, eine Mischung fast aller deutschen Dialekte. Er war mein Rettungsanker, denn er brachte mir meine ersten Portugiesischkenntnisse bei.
Das Haus war klein , aber nett und möbeliert. Jetzt konnten alle kommen, wir waren vorerst gerettet...